Stumpft man ab, wenn man viel reist? Gedanken über Erfahrung, Erwartungen und das Reisen mit Kindern

Die Frage, die viele nicht aussprechen

Wenn ich an unsere ersten Reisen zurückdenke, war vieles anders als heute: wir waren unerfahrener, haben mehr „Anfängerfehler“ gemacht, hatten so manchen Kulturschock, sind beinahe auf Betrüger reingefallen – und waren trotzdem von allem beeindruckt. Alles war neu, aufregend und begeisternd. Heute sind wir auf Reisen routinierter, können Situationen besser einschätzen – und stehen manchmal vor weltberühmten Sehenswürdigkeiten und denken „ja, ganz schön, aber…“. Genau in diesen Momenten drängt sich mir manchmal die Frage auf: werden wir gerade undankbar und stumpfen ab?

Beeindrucken uns Sehenswürdigkeiten mit der Zeit weniger?

Tatsächlich müssen wir zugeben, dass uns Sehenswürdigkeiten mit der Zeit immer weniger beeindrucken. Man vergleicht automatisch und wenn man schon viel gesehen hat, wird es immer schwieriger, noch imposantere Sehenswürdigkeiten zu finden. Der zehnte Tempel löst einfach nicht mehr dasselbe Gefühl aus wie der erste, die dritte Maya-Ruine gleicht der ersten und zweiten doch irgendwie und wenn man schon zig Traumstrände gesehen hat, reiht sich ein neuer eben einfach mit ein. Das bedeutet nicht, dass die Orte, die wir nun besuchen, „schlechter“ oder weniger sehenswert sind, sondern dass sich unsere Perspektive verändert hat.

Weniger sehen, gezielter auswählen – und warum das eigentlich praktisch ist

Früher haben wir gefühlt alles angeschaut. Stundenlang habe ich vor jeder Reise das Internet durchforstet und so ziemlich jeden Ort, den irgendjemand mal als „sehenswert“ betitelt hat, in die Planung mit aufgenommen. Ich wollte alles sehen und nichts verpassen. Wir sind teilweise stundenlang bei großer Hitze durch Städte gehetzt, um alle Punkte abzuhaken.

Heute ist das anders. Wir müssen nicht mehr alles sehen, sondern fokussieren uns auf die Highlights, auf das, was uns interessiert. Wir recherchieren schon ganz anders und wählen gezielter aus, was wir unternehmen – wobei das ganz und gar nicht heißt, dass wir nichts mehr entdecken wollen. Dennoch fällt es uns heute leichter, auch mal etwas bewusst zu überspringen.

Insbesondere beim Reisen mit Kind ist das für uns nun sogar ein Vorteil, denn es bedeutet weniger Stress und weniger Ortswechsel, es macht das Unterwegssein einfach entspannter.

Jagen wir weniger Sehenswürdigkeiten – und reisen dafür tiefer?

Mittlerweile laufen wir nicht mehr mit einer starren „to do-Liste“ umher und hetzen von einem Ort zum anderen, um alles gesehen zu haben. Meistens haben wir vor allem bei Städtereisen ein paar wenige Highlights im Kopf, die wir sehen möchten und spazieren ansonsten auch mal einfach durch die Straßen. Wir nehmen die Atmosphäre auf. Wir beobachten. Wir sind einfach da.

Während wir früher häufig jedes Gebäude benennen konnten, reisen wir heute mit weniger Druck und sind viel offener. Heute gehen wir es langsamer an und dadurch wird vieles intensiver.

Reisen ist für uns heute nicht weniger wertvoll, nur anders.

Abwechslung hilft gegen das Gefühl des „Abstumpfens“

Auch wenn wir schon viel gesehen haben und uns das Flair eines Ortes nun wichtiger ist als die einzelnen Sehenswürdigkeiten, so sind doch auch die Umstände entscheidend. Der erste Tempel auf einer Reise ist nach wie vor beeindruckender als der fünfte in kurzer Zeit, zum Ende einer Reise hat man schon ganz andere Eindrücke von einem Land als am Anfang.

Obwohl wir dank Angestellten-Jobs nicht ständig unterwegs sind, legen wir immer viel Wert darauf, unsere Reiseziele abwechslungsreich zu gestalten: nach einer Asien-Reise freuen wir uns umso mehr auf Amerika und nachdem wir in Australien oder Afrika waren, bietet Europa mal wieder neue Eindrücke. Mal machen wir einen Städtetrip, dann geht es in Nationalparks. Auf einigen Reisen entdecken wir sehr viel, auf anderen entspannen wir mehr. Manchmal unternehmen wir mehrwöchige Reisen, dann geht es mal für ein Wochenende weg.

Durch diese Pausen, die Abwechslung und die dadurch entstehenden unterschiedlichen Eindrücke sind dann auch Dinge, die man schon mal (in ähnlicher Form) gesehen hat, auch doch wieder irgendwie ein bisschen neu und führen zu wesentlich mehr Begeisterung.

Reisen mit Kindern: Nimmt man ihnen spätere Wow-Momente?

Vor allem als wir Eltern wurden, haben wir uns die Frage gestellt, ob wir unserem Sohn durch die Reisen im frühen Alter vielleicht auch etwas nehmen, wir haben uns gefragt, ob er später noch die Welt entdecken und Wow-Momente erleben kann.

Wir glauben, er wird das trotz der frühen Reisen tun. Auch wir waren in unserer Kindheit viel unterwegs und können uns an viele Details gar nicht mehr erinnern. Kinder erleben anders, sie vergleichen weniger, sie speichern eher Emotionen als Sehenswürdigkeiten. Die Erinnerungen an meine früheren Reisen sind „wir sind mit dem Fahrrad zum Restaurant gefahren, wo es Enten gab und wir Kartoffelpuffer gegessen haben“, aber nicht „der Eiffelturm hat mich beeindruckt“. Und genauso wird es unserem Sohn hoffentlich gehen. Ein Ort verliert seinen Zauber nicht, nur weil man ihn früh sieht. Kinder können Orte später als Erwachsene nochmal ganz neu entdecken.

Kinder verändern den Blick – und bringen Magie zurück

Kinder nehmen Orte ganz anders wahr als Erwachsene, sie verändern unseren Blick auf die Welt und bringen damit häufig auch die Magie zurück. Ein Vogel beim Frühstück, Muscheln im Sand oder eine Eidechse am Wegesrand – früher waren das für uns Nebensächlichkeiten, heute sind es wahre Schätze. All das beeindruckt unseren Sohn, es zaubert ihm ein Lächeln ins Gesicht – und uns damit auch. Reisen mit Kind verlangsamt, es lässt kleine Momente wieder groß werden und es macht uns sehr bewusst, wie viele schöne Kleinigkeiten es doch zu entdecken gibt. Mit einem Kind kehrt die Begeisterung auf Reisen nochmal in einer ganz anderen Form zurück.

Man ist nicht undankbar – man ist erfahren

Unabhängig davon, ob ein Kind nun wieder mehr Zauber in die Welt des Reisens bringt oder nicht – Dankbarkeit zeigt sich nicht immer in Begeisterung.

Obwohl wir nicht mehr vor jeder Sehenswürdigkeit stehen und begeistert „wow“ rufen, lieben wir das Reisen nach wie vor und wir sind dankbar für jede unserer Reisen. Am Ende schauen wir immer demütig auf das Gesehene zurück, auf das Begeisternde und das Unerwartete, auf die Highlights und die Lowlights, auf alles, was wir erlebt haben. Man muss nicht jedes Mal überwältigt sein, um zu wissen, dass etwas besonders ist. Man ist nicht undankbar, weil einen eine Statue nicht umhaut. Man kann etwas wunderschön finden, auch wenn man schon ähnliche Orte gesehen hat.

Wer das Reisen liebt, weiß, was es einem gibt.

Fazit: Stumpft man ab – oder reist man bewusster?

Vielleicht stumpft man nicht ab, aber man bewertet Dinge anders. Mit der Zeit wird Reisen weniger spektakulär, aber oft intensiver.

Ich kann mich gut daran erinnern, wie euphorisch ich am Anfang auf Reisen war – aber auch daran, wie unsicher ich war und wie starke Kulturschocks ich manchmal hatte.

Heute bin ich erfahrener, ich weiß meistens, was mich erwartet, ich bin ruhiger – aber ich liebe das Reisen heute noch viel mehr und für uns hat es nun mit Kind nochmal eine ganz unterwartete neue Tiefe bekommen. Wir sammeln Erinnerungen fürs Leben und solange uns das Reisen so viel gibt, sind wir auf jeden Fall nicht zu abgestumpft.

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